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Finanzierung aus betriebswirtschaftlicher Sicht oder: Wo kommt die Kohle her?

Gründungswissen

 

Die Idee ist da, allerdings erst einmal auf dem Papier. Um daraus ein Geschäft zu machen, braucht ein Gründer erst mal eines: Geld. Aber wo kommen die Mittel her? Die Antwort darauf entscheidet nicht selten über den langfristigen Erfolg eines Unternehmens. Ein Blick auf (nicht nur) die Passivseite der Bilanz von Betriebswirt Walter Schulz von der Handwerkskammer Konstanz.


Grundsätzliches

Der Gesamtkomplex einer betrieblichen Finanzierung spielt sich auf der Passivseite einer Bilanz ab. Sie beantwortet die Frage der Mittelherkunft. Man spricht daher auch von der Kapitalseite einer Bilanz.

Im Gegensatz dazu gibt die Aktivseite der Bilanz Auskunft über die Mittelverwendung. Hier ist auch von der Vermögensseite die Rede. Im Ganzen bildet die Aktivseite einer Bilanz die Investitionstätigkeit eines Unternehmens ab.

Im Detail gliedert sich die Passivseite, also die Mittelherkunfts- oder die Finanzierungsseite, in Eigenkapital und Fremdkapital auf. Bilanzierungsrechtlich wird hier die Frage beantwortet, wie die linke Seite einer Bilanz bezüglich eines eigentumsrechtlichen Zugriffs aufgeteilt ist, also über wie viel Eigentum als juristisch fundierte Zugriffsberechtigung und über wie viel Besitz, definiert als reale praktische Nutzungsmöglichkeit eines Anlageguts, ein Unternehmen verfügt.

Bei beispielsweise gleich großen Beträgen von Eigen- und Fremdkapital stehen dem Betrieb 50 Prozent der Vermögenswerte als Eigentumsposition und 50 Prozent der Vermögenswerte als Besitzposition zur Verfügung. Anders gesagt: die Fremd- und Eigenkapitalquote des jeweiligen Betriebes beträgt jeweils 50 Prozent. Langfristig muss ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen eine möglichst hohe Eigenkapitalquote (deutlich über 50 Prozent) anstreben. Ist dies nicht der Fall, sind jegliche Finanzdispositionen innerhalb eines Unternehmens von verschiedenen Fremdkapitalgebern abhängig und der Betrieb verliert deutlich unternehmerische Gestaltungs-möglichkeiten.

Finanzierungseite im Detail

Finanzierungstechnisch und intern betrachtet ist nur die Fremdkapitalseite betriebswirtschaftlich interessant. Inwieweit eine Kapitalgesellschaft oder eine Personengesellschaft Vermögenswerte aus eigenen Mitteln finanziert hat, hat nur theoretische Bedeutung. Bezüglich der Bindungszeit des Kapitalwertes kann gesagt werden, dass das Eigenkapital vom Zugriff anderer theoretisch unendlich lang geschützt ist.

Anders sieht es beim Fremdkapital aus, das auch als Verbindlichkeit bezeichnet werden kann. Das ermöglicht die Unterscheidung von langfristigen, mittelfristigen und kurzfristigen Verbindlichkeiten.

Es gibt keine wissenschaftlich klar definierten Laufzeiten, weswegen hier bei Laufzeiten unter einem Jahr von kurzfristigen Verbindlichkeiten, bei Laufzeiten von bis zu fünf Jahren von mittelfristigen Verbindlichkeiten und bei Laufzeiten von über fünf Jahren von langfristigen Verbindlichkeiten gesprochen werden soll.

Langfristige Verbindlichkeiten dienen dazu, langfristig im Unternehmen gebundene oder verwendete Vermögenswerte zu finanzieren. Dazu gehören Darlehen für Grundstücke und Immobilien oder stationäre Maschineninvestitionen. Mittelfristig finanziert werden zum Beispiel Betriebsfahrzeuge oder mobil genutzte Maschinen. Zum kurzfristigen Fremdkapital bzw. zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten gehören unter anderem Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen, Kontokorrentverbindlichkeiten, Verbindlichkeiten gegenüber Arbeitnehmern, Verbindlichkeiten gegenüber den Sozialkassen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Finanzamt.

Finanzierungsphilosophie

Ein versierter Finanzierungsbetrachter kann in der Betrachtung der rechten Seite der Bilanz, also der Finanzierungs- oder der Mittelherkunftsseite, sehr schnell erkennen, wie stabil oder bedrohlich die Finanzsituation eines Unternehmens aussieht. Befindet sich ein zahlenmäßiger Schwerpunkt im oberen Bereich der Passivseite und nur kleine Beträge im unteren Bereich, kann hier von einer sehr stabilen Finanz- oder Finanzierungssituation gesprochen werden.

Anders sieht es im umgekehrten Fall aus. Befinden sich auf der Passivseite eines Unternehmens die Schwerpunktbeträge im unteren Teil der Bilanz, kann von einer bedrohlichen Finanz- oder Finanzierungssituation ausgegangen werden. Konkret heißt das, dass das Unternehmen bedrohlich hohe (schnell auszugleichende) Verbindlichkeiten (Schulden) bei nicht sehr geduldigen Kapitalgebern (Gläubigern) hat.

Es ist allerdings wichtig, beim Thema Finanzierung nicht nur die Passivseite der Bilanz zu betrachten, sondern zusätzlich Bezug auf die Aktivseite zu nehmen. Wirtschaftsfachleute sprechen hier von der Finanzierungskongruenz. Das bedeutet, dass die Finanzierungslaufzeit eines betrieblichen Anlageobjektes auf dessen Nutzungszeit abgestimmt sein muss. Das heißt beispielsweise, dass eine Betriebshalle innerhalb einer Finanzierungszeit von ca. 15 bis 18 Jahren abbezahlt sein sollte. Nach dieser Zeit steht das Unternehmen eventuell vor einer strategischen Neuüberlegung. Ein betrieblich genutztes Fahrzeug oder eine bewegliche Maschine wird dagegen in ca. fünf Jahren abbezahlt.

Kurzfristig anfallende Investitionen, zum Beispiel im Warenbestand oder in den Kosten- und/oder Forderungsvorhaltungen, können kurzfristig finanziert werden. Allerdings ist dringend zu empfehlen, auch einen Teil dieser Investitionen - etwa halbfertige Arbeiten, Warenbestand, Auftragsvorhaltung, Debitorenlaufzeit (Zeitpunkt der Rechnungsstellung bis zum liquiditätswirksamen Zahlungseingang einer Rechnung und damit der Löschung der Forderung) - zumindest mittelfristig zu finanzieren. Das führt zu einer deutlichen Entspannung der Liquiditätssituation des Unternehmens.

Das heiß konkret, dass ein Unternehmen, je nach Zahlungsverhalten seiner Kundschaft, ein freies Liquiditätsvorrats-Vermögen von ca. sechs Wochen- bis drei Monatsumsätzen zur Verfügung haben sollte. Dies natürlich am besten auf der Haben- und nicht der Sollseite seines kurzfristigen Dispositionskontos. Bezüglich einer betrieblichen Liquiditätsbetrachtung ist es grundsätzlich nicht von Bedeutung, ob freie kurzfristige Dispositionsmittel positiv oder negativ verzinst werden. Problematisch wird das erst, wenn ein Unternehmen sich im Soll-Bereich der Grenze seines Verfügungswertes annähert und diese Grenze auch erreicht oder sogar überschreitet.

Finanzierungstipps

Ein Unternehmen, völlig unabhängig von Größe und Branche, sollte

  1. finanzierungstechnisch bestrebt sein, dass sein gesamtes Umlaufvermögen nur durch einen relativ kleinen Teil seiner kurzfristigen Verbindlichkeiten „gebremst" wird.
    Als Faustregel gilt: Teilt man das Umlaufvermögen durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten, sollte ein Faktor von mindestens 2,5 bzw. 250 Prozent erscheinen (Liquiditätskennzahl dritten Grades).
  2. ein kontinuierlich gutes Forderungs- und Mahnsystem etablieren.
  3. offen für alternative Finanzierungssysteme wie Leasing, Factoring oder Beteiligungsmöglichkeiten (z. B. die mittelständische Beteiligungsgesellschaft MBG der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg) sein.
  4. sich über die ganzheitlichen und vielseitigen Möglichkeiten der öffentlichen Finanzierungshilfen seitens der Landeskreditbank Baden-Württemberg (L-Bank) oder der bundesweiten Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) informieren. Hier helfen auch die betriebswirtschaftlichen Berater und Beraterinnen der Handwerkskammern gerne weiter

 

Quellen

Text:   Walter Schulz, Handwerkskammer Konstanz (Stand August 2020)

Bild:    Pixabay

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