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Thomas Lieb, Holzbau Lieb, Freudenstadt

Erfolgreich im Handwerk

15.12.2017

 

Neue Wege gehen, Tradition bewahren

Thomas Lieb hat den Zimmererbetrieb seines Vaters übernommen und das Unternehmen neu aufgestellt.

„Das Gute bewahren und Versäumtes nachholen". So könnte die Devise von Zimmermeister Thomas Lieb lauten. Er war gerade einmal 24 Jahre alt und kam frisch von der Meisterschule, als er 2008 die Zimmerei mit ihren sechs Mitarbeitern vom Vater übernommen hat. Heute beschäftigt das Unternehmen acht Facharbeiter, einen Auszubildenden und zwei Teilzeitkräfte im Büro. Und es könnten eigentlich noch mehr sein. „Größer will ich aber gar nicht mehr werden", sagt der sympathische Betriebsinhaber und schmunzelt.

An seine Anfänge als Unternehmer denkt er mit gemischten Gefühlen zurück. „Unser alteingesessener Familienbetrieb hatte zuletzt von seinem guten Namen und den treuen Stammkunden gelebt. Wirklich innovativ waren wir damals nicht mehr gewesen", erinnert sich Lieb. „Uns haben die Ideen und Impulse gefehlt." Das blieb nicht ohne Folgen. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens war damals nicht gerade rosig, die Stimmung in der Belegschaft gemischt. „Ich hatte mehr als einmal eine schlaflose Nacht", gibt der Unternehmer zu.


Holzbau in Norwegen und andere Geschäftsfelder

Neue Ideen und Geschäftsfelder mussten her. 2008 trat das Erneuerbare Wärmegesetz des Landes in Kraft. Wärmedämmung und Energieeinsparung waren plötzlich in aller Munde. Thomas Lieb und seine Mitarbeiter nutzten die Gunst der Stunde. Die Niedrigzinsphase tat ein Übriges dazu.

Das war aber nicht alles. Der junge Unternehmer stieg in den Massivholzhausbau ein und realisierte sein erstes Projekt in Norwegen. „Das war für uns ein Wahnsinns-Erlebnis, das uns richtig zusammengeschweißt hat", schwärmt Lieb mit glänzenden Augen. Ein weiteres Geschäftsfeld fand der Jungunternehmer im Gerüstbau. Das Material lagerte ohnehin im Hof, warum also nicht die vorhandene Ausstattung nutzen und an Betriebe vermieten? Lieb schaffte sich so ein wetterunabhängiges Standbein und arbeitet heute regelmäßig für sieben bis acht Bau-/Ausbaubetriebe in der Region.

Eine andere Baustelle war der in die Jahre gekommene Außenauftritt des Unternehmens. Thomas Lieb frischte den Internetauftritt und den Briefkopf auf und richtete einen kleinen Ausstellungsraum im Eingangsbereich des Betriebs ein. Freundlich und einladend wirken die Betriebsräume, und das macht nicht nur den Kunden Freude.


Eigenverantwortung im Betrieb stärken

Was er anders macht als sein Vater? Lieb wollte von Anfang an weg von hierarchischen Strukturen hin zur Teamorganisation. Er setzt auf die Eigenverantwortung jedes Mitarbeiters. Regelmäßig finden Besprechungen statt, die Mitarbeiter sind eingebunden in Entscheidungen, machen Vorschläge, wie etwas besser gemacht kann. „Ich lege Wert auf eine vertrauensvolle Unternehmenskultur. Ein wertschätzender Umgang und kollegiales Verhalten sind mir sehr wichtig." Den Rückhalt der Belegschaft hat er von Anfang an gehabt. „Ich wurde offen aufgenommen und habe viel Unterstützung erfahren." Probleme haben ihm zu Beginn Kritikgespräche bereitet: „Ich hatte Angst, falsch zu reagieren und nicht konsequent genug zu sein."

Solche Anfangsschwierigkeiten sind überwunden. Besonders stolz ist Lieb darauf, dass es praktisch keine Fluktuation gibt. Das gute Betriebsklima, das interessante Aufgabenspektrum und die internationalen Aktivitäten des Unternehmens sind nach Einschätzung von Thomas Lieb auch Gründe dafür, dass der Betrieb als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird. „Wir bekommen jede Saison zahlreiche Anfragen von jungen Leuten, die bei uns ein Praktikum machen oder eine Ausbildung beginnen wollen", freut sich der Zimmermeister.

   


Vertrauen und Familie als Erfolgsfaktoren

Zu seinem Vater hat der junge Unternehmer ein sehr gutes Verhältnis. Rudolf Lieb hilft bei Bedarf heute noch im Unternehmen mit und auch Liebs Mutter Ingrid hat sich noch bis vor kurzem tatkräftig um das Büro gekümmert, bevor ihre Schwiegertochter diese Aufgabe endgültig von ihr übernommen hat.

„Besonders wichtig war für mich, dass mein Vater immer Vertrauen in mich hatte und mich nach Kräften unterstützt hat", sagt Lieb rückblickend. „Ich rechne ihm hoch an, dass er mir sein Lebenswerk anvertraut hat und loslassen konnte. In anderen Unternehmen funktioniert das nicht so reibungslos", so seine Erkenntnis. Dies und die Unterstützung der gesamten Familie wertet er als besonderen Erfolgsfaktor und Grundstein für das Gelingen der Nachfolge.

Und wie geht es ihm persönlich mit dem Unternehmer-Sein? „Als kleiner Junge wollte ich mal Pilot werden", lacht der Unternehmer. Die Entscheidung für seinen Beruf und die Übernahme hat er trotzdem nicht bereut. Stolz blickt er auf fast 400 Jahre Familiengeschichte zurück, und auch die nächste Generation wächst schon heran.
Lieb genießt die Freiheiten und die Flexibilität, die man als Selbständiger hat. Das hohe Arbeitspensum gehört zum Job dazu. Außerdem engagiert sich der umtriebige Jungunternehmer noch in der Innung und im Ehrenamt. Lieb bedauert, dass Frau und Kinder schon mal zu kurz kommen. Er versucht, die Zeit mit der Familie bewusst zu planen und zu gestalten. Mit seinen Kräften muss man auch als junger Unternehmer gut haushalten – aber darauf hat auch seine Ehefrau Julia ein wachsames Auge.

Der Weg von Thomas Lieb ist inzwischen auch auf Film festgehalten - als Paradebeispiel für erfolgreiche Unternehmensnachfolge.

 


Das Interview führte Sylvia Weinhold von der Handwerkskammer Reutlingen

 

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