Nachfolger im Handwerk finden
Thema des Monats
Während es früher schon fast die Regel war, dass ein Handwerksbetrieb an den eigenen Familiennachwuchs übergeben wurde, ist das heute zwar nicht die Ausnahme, aber eben längst nicht mehr in diesem Ausmaß der Fall. Was tun?
Das fragen sich viele Betriebsinhaber, die kurz vor dem wohlverdienten Ruhestand stehen. Den Betrieb, denn man mit so viel Herzblut und Schweiß aufgebaut hat, einfach so schließen? Für die meisten undenkbar – klar, schließlich hängen nicht nur die eigenen Emotionen daran, sondern eben auch Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden.
Eine Unternehmensnachfolge ist nie leicht – für alle Beteiligten nicht. Wenn dann aber auch noch ein „Fremder“ den Betrieb übernehmen soll, sind die Hürden, die es zu nehmen gilt, noch etwas höher. Deshalb steht und fällt eine erfolgreiche Betriebsübergabe mit dem Zeitmanagement. „Die meisten Inhaber machen sich viel zu spät Gedanken über die Betriebsübergabe. Wir raten dazu bereits 5 Jahre vorher nach einem Nachfolger zu suchen.“, so Andrea Winkler, Nachfolgemoderatorin der Handwerkskammer Karlsruhe. Und das ganz unabhängig davon, ob der Nachfolger aus dem familiären Umfeld kommt oder ein Mitarbeiter oder aber ein Meister aus der Region, auf der Suche nach einem passenden Betrieb, ist.
Aber wer ist denn jetzt der richtige Kandidat? Keine leichte Entscheidung! An dieser Stelle kommt Ihre Handwerkskammer ins Spiel. „Wir beginnen mit einer Orientierungsberatung, besprechen zunächst, wie die Unternehmensnachfolge aussehen kann, welche Möglichkeiten es gibt und welche Schritte zu gehen sind. Sobald der Nachfolger gefunden ist, bieten wir eine weitere Fachberatung bis zur Übergabe des Betriebs.“, erklärt Winkler. Das Team der HWK unterstützt bei betriebswirtschaftlichen, technischen und rechtlichen Fragen und hilft bei Konflikten eine Lösung zu finden.
Klare Kommunikation
Ebenso wichtig, wie den passenden Nachfolger zu finden, ist es offen mit Mitarbeitern über die geplante Betriebsübergabe zu sprechen sowie die Ziele für das Unternehmen klar zu kommunizieren. Denn wird die Zukunft des Unternehmens aus dem Blick verloren, werden notwendige Entscheidungen nicht getroffen, Investitionen nicht mehr gemacht und es gibt keine Vision - für das Team kann das fatale Folgen haben. Mitarbeiter suchen sich einen neuen, vermeintlich sichereren Arbeitsplatz und dies kann zu einem kritischen Dominoeffekt führen: Das Unternehmen verliert seine besten Mitarbeiter, Aufträge können nicht mehr in der gleichen Qualität und Termintreue wie gewohnt abgewickelt werden, die Kunden werden unzufrieden der Inhaber wird frustriert und hat am Ende einen Scherbenhaufen vor sich.
Gute Chancen
Gerade stehen die Chancen für Handwerker, die einen Betrieb übernehmen wollen, sehr gut. Denn aktuell gehen mehr Betriebsinhaber in den Ruhestand als Nachfolger in der Pipeline sind. Darüber hinaus macht es absolut Sinn einen gut laufenden Betrieb zu übernehmen – jeder weiß, wie schwer es ist ein Unternehmen von Grund auf aufzubauen. Zunächst eine geeignete Location, die benötigten Maschinen, die passenden Mitarbeiter zu finden und sich schließlich einen Kundenstamm aufzubauen. All das kann man sich mit einer Betriebsübernahme „sparen“ – vorausgesetzt diese wird gut vorbereitet und durchgeführt.

Welche Wege gibt es in der Nachfolge - Es gibt nicht den einen, der für alle passt
Nachfolge ist individuell. Übernehmen sollte der / die, am besten qualifiziert sind und unternehmerische Eigenschaften besitzen.
Nachfolger findet man über:
- Miteigentümer (wenn Altersspanne dazwischen)
- Familienmitglieder (erweiterter Kreis)
- Heutige oder frühere Mitarbeiter (Personalentwicklung)
- Mitbewerber in Expansion
- Gewerksnahe Berufe (Diversifikation)
- Kunden (Lieferanten) mit Erweiterung des Produkt- oder Leistungssortiments
- Merger & Aquisitions
- Steuerberater/Wirtschaftsprüfer/Kreditinstitute
- arbeitsuchende (vor allem technische) Führungskräfte
Wann ist mein Unternehmen überhaupt übergabefähig
Ein Betrieb ist übergabereif, wenn dessen Inhaber sich innerhalb der nächsten fünf Jahre aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung zurückziehen wird. Als übernahmewürdig gilt ein Betrieb, wenn die zu erwartenden Gewinne höher sind als die zu erwartenden Einkünfte eines potenziellen Nachfolgers aus seiner bisherigen abhängigen Beschäftigung plus Erträge aus einer alternativen Kapitalanlage sowie sogenannte Convenience-Kosten (z.B. der kürzere, aber höherpreisige Urlaub, der Einkauf an der tanke, und auch ansparen von Kosten für eventuelle plötzliche Ausfälle …) .
Unabhängig davon bestimmen auch Glück und Zufall hier das Leben: Die Handwerkskammer rät ggf. auch bei fehlender Übernahmewürdigkeit eine Nachfolge zu probieren – manchmal liegt der Betrieb einfach logistisch für den Übernehmenden gut, es gibt Platz für neue Ideen, es ist eine smarte Grundlage für einen Start, manchmal werden Betriebsteile neu gestaltet …..
Kommunikation; Wie nehme ich mein Team und meine Kunden erfolgreich mit?
Die Kommunikation im Rahmen der Nachfolge ist eine sensible Stelle und sollte auch individuell betrachtet werden.„Den Schreibtisch leerräumen und den Hut nehmen? Ganz so einfach ist es nicht. Eine Betriebsübergabe ist ein Prozess, der mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann, sämtliche Unternehmensbereiche berührt und nicht zuletzt bei der Personalführung viel Fingerspitzengefühl verlangt.“
Will man in Ruhestand, und hat geeignete Mitarbeiter, sollte dies zunächst untereinander vertraulich besprochen werden. Gibt es ansonsten keine Möglichkeit für eine interne Nachfolge, kann dann die externe Suche, z.B. mit Hilfe der Handwerkskammer, eingeleitet werden.
Ist man mit einem Nachfolger fest im Gespräch, sollten möglichst gemeinsam die Mitarbeiter eingeweiht werden. Denn die Mitarbeiter fragen sich ja auch:
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- Wie geht es mit meinem Arbeitgeber weiter?
- Was passiert wenn kein Nachfolger gefunden wird?
- Ist mein Arbeitsplatz noch sicher?
- Wie wird der neue Chef „führen“?
- Kann ich den neuen Chef von meinen Fähigkeiten überzeugen?
- Warum werde ich nicht informiert? Wann werde ich informiert?
Die Handwerkskammern unterstützen die Betriebsinhaber und Existenzgründer, auch in der Sonderform der Nachfolge kostenfrei mit folgenden Leistungen:
- Unternehmensnachfolge: Betriebsbörse, Nachfolge erfolgreich meistern, Frauen in der Nachfolge
- Betriebswirtschaft: Wertermittlung des Betriebs, Beratung zu Fördermöglichkeiten, Existenzgründung, Krisenberatung von Betrieben, Strategieberatung
- Technik: Innovationsförderung (z.B. 3D-Druck), Fördermittelberatung, Prozessberatung
- Umwelt und Energie: Beratung zur Fördermöglichkeiten, Nachhaltigkeitsberatung, Energiewissen in der Praxis
- Digitalisierung: Beratung zum Onlineauftritt, Social Media, KI, Cybersecurity
- Personalberatung: Fachkräftegewinnung, Mitarbeitergewinnung, Führungskräftetraining
- Rechtsberatungen für die Mitgliedsbetriebe
Text: Andrea Winkler, Nachfolgemoderatorin, Handwerkskammer Karlsruhe
Weitere nützliche Tipps finden Sie bei uns unter dem Reiter "Handwerksbetrieb übergeben". Unter anderem die Nachfolgemoderation und Nachfolgenetzwerke.