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Handwerk bietet Perspektiven

Wissens-ABC

Existenzgründungen im Handwerk tragen wesentlich zur Stärkung der gesamten Wirtschaft bei. Kein anderer Wirtschaftszweig führt so konsequent zur unternehmerischen Selbständigkeit wie das Handwerk. Dabei ist die Neugründung eines Betriebes ebenso wichtig wie die langfristige Sicherung eines Betriebes durch eine erfolgreiche Übernahme durch einen qualifizierten Nachfolger.
Handwerkliche Produkte und Leistungen sind in allen Lebensbereichen unverzichtbar. Individuell und frisch hergestellte Produkte und individuelle Leistungen der Handwerker sind auch in Zukunft gefragt – trotz aller Veränderungen in der Wirtschaft.

Bei allen Chancen, die sich Existenzgründern und Betriebsübernehmern im Handwerk eröffnen, dürfen auch die Risiken der Selbständigkeit nicht außer Acht gelassen werden. Wer sich im Handwerk selbständig machen möchte, muss sich gründlich darauf vorbereiten. Eine sehr gute fachliche, aber auch kaufmännische Qualifikation gehört selbstverständlich dazu. Genauso wichtig sind aber ein erfolgversprechendes Konzept, langfristige Ziele und Strategien, mit denen diese Ziele erreicht werden können.

Die gesamte Wirtschaft befindet sich in einem steten Wandel, von dem auch das Handwerk stark betroffen ist. Technische Entwicklungen und Veränderung in der Nachfrage prägen das wirtschaftliche Umfeld auch für das Handwerk. Der Handwerker, der am Markt erfolgreich sein will, muss sein Denken und Handeln an diesen Entwicklungen orientieren. Dies bedeutet eine gewaltige Herausforderung an die Unternehmensführung des Handwerkers. Er muss aufmerksam den Markt beobachten und die Veränderungen rechtzeitig erkennen, damit er sein Unternehmen entsprechend anpassen und umstrukturieren kann. Er muss zudem aktiv auf Kunden zugehen und sich neue Märkte erschließen.

Zu den technischen Entwicklungen, die das technologische Umfeld des Handwerks grundlegend verändert haben, zählen
  • die Mikroelektronik, die in nahezu allen Handwerksberufen die Fertigung rationalisiert,
  • moderne Werkstoffe, die erhebliche Rationalisierungseffekte bringen.
  • die Informations- und Kommunikationstechnik, die für das Handwerk ein wichtiges Marktpotential darstellt und die internen Abläufe in den Betrieben verbessert.
  • der Umweltschutz, der einerseits neue Marktchancen bietet, andererseits auch Belastungen für die Betriebe bringt,
  • das Internet, das völlig neue Möglichkeiten der Werbung, der Verkaufsunterstützung, der Kundenbetreuung, der Beschaffung und der Information bringt.

Auch die Nachfrage nach handwerklichen Leistungen hat sich grundlegend geändert.

Einige Trends, die ein Existenzgründer berücksichtigen sollte:

  • Die Industrie verringert ihre Fertigungstiefe und vergibt immer mehr Aufträge und Dienstleistungen an kleine, leistungsfähige Betriebe. Solche Aufträge umfassen immer mehr komplexe Aufgabenstellungen (komplette Baugruppen und Systeme) und erfordern deshalb eine hohe Qualifikation des Handwerksunternehmens.
  • Der Bedarf an Dienstleistungen steigt sowohl bei Privatkunden (Freizeitgestaltung, Urlaub, Unterstützung und Pflege älterer und bedürftiger Menschen) als auch bei der Industrie (Planungs- und Ingenieurleistungen, Pflege und Wartung, Reinigung, Sicherheit) und bei der öffentlichen Hand.
  • Ein Milliardenmarkt liegt im Umweltschutz. Gefragt sind Unternehmen, die Lösungen bieten zur Einsparung von Energie und Wasser, zur Reinhaltung von Luft, Wasser und Boden, zur Reduzierung von Emissionen, und zur Vermeidung und Wiederverwertung von Abfällen.
  • Ein großes Marktpotenzial hat die Zielgruppe 50 plus. Auf Grund der demografischen Veränderungen steigt die Bedeutung dieser Altersgruppe in den nächsten Jahren. Die spezifischen Bedürfnisse dieser Menschen, die auch über hohes Vermögen verfügen, sind für das Handwerk von großer Bedeutung.
  • Stark wachsen wird der Bedarf im Bereich des alters- und gesundheitsgerechten Wohnens. Die barrierefreie Gestaltung der Wohn- und Lebensumgebung ist ohne Handwerk undenkbar.
  • Der Kunde wünscht Leistungen „aus einer Hand“.
  • Der Kunde denkt gesundheitsbewusster und umweltbewusster als früher.
  • Höhere Einkommen verstärken die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen und teueren Produkten.
  • Der Trend zum „Do-it-yourself“ hält an.
  • Die Ausgaben für Hobby und Freizeit steigen weiter an.
  • Der persönliche Geschmack des Kunden spielt bei der Auftragsvergabe oder der Kaufentscheidung des Kunden eine immer größere Rolle. Das Design der Produkte hat deshalb eine wichtige Bedeutung.
  • Eine termingerechte, schnelle und kundenorientierte Abwicklung seines Auftrags sind heute ein absolutes Muss.
  • Der Kunde wünscht immer mehr Sicherheiten und Garantien bei der Auftragsabwicklung, wie Qualitätsstandards und Qualitätszertifikate, Festpreise, garantierte Fertigstellungstermine.
  • Eine fachlich einwandfreie Arbeit ist Standard. Profilieren kann sich ein Betrieb durch fundierte Beratung, Serviceleistungen und Problemlösungen.
  • Die Kunden verhandeln immer mehr um Preiszugeständnisse oder versuchen, durch Einbehalte und durch Reklamationen Preisnachlässe zu erzielen.
  • Der Preis wird für viele Kunden immer mehr zum entscheidenden Kaufkriterium.
  • Das Internet ermöglicht den Einkauf rund um die Uhr. Der Einkauf per Mausklick wird an Bedeutung gewinnen.
  • Die Kunden werden immer unberechenbarer, die langfristige Kundenbindung wird immer schwieriger.
  • Werbung und Verkaufsunterstützung sind heute auch bei Kleinbetrieben ohne Internet kaum noch denkbar. Die Kunden orientieren sich am Internetauftritt eines Betriebes und verschaffen sich einen Eindruck von dessen Leistungsfähigkeit.
  • Der Wettbewerb wird immer internationaler. Chancen auch für Kleinbetriebe ergeben sich durch Import und Export von Produkten und Leistungen.


Dem Handwerk sind in den letzten Jahren neue Konkurrenten entstanden:

  • Neue Technologien ermöglichen der Industrie, flexibler zu produzieren und auf Einzelfertigung überzugehen.
  • Baumärkte liefern den Kunden Werkzeug und Material für Eigenleistungen und dringen in Bereiche vor, die bisher ausschließlich dem Handwerker vorbehalten waren.
  • Staat und Kommunen üben mit ihren Regiebetrieben handwerkliche Tätigkeiten aus.
  • Werkstätten sozialer Art, wie Behindertenwerkstätten und Werkstätten für Arbeitslose, sind zu Konkurrenten für das Handwerk geworden.
  • Zugenommen hat auch die Zahl der Feierabendbetriebe, deren Inhaber in einem festen Beschäftigungsverhältnis stehen und nur in ihrer Freizeit gewerblich tätig sind.
  • Arbeitskolonnen und Leiharbeiter aus Niedrig-Lohn-Ländern wickeln komplette Baustellen zu extrem niedrigen Preisen ab. Der Preiswettbewerb wird durch die EU-Osterweiterung verschärft.
  • Marktstarke Filialisten haben in vielen Handwerksbranchen, wie beispielsweise bei Bäckern und Augenoptikern, große Marktanteile gewonnen.
  • Die nach wie vor bedeutendste Konkurrenz des Handwerks ist die Schwarzarbeit. Da die handwerkliche Arbeit infolge hoher Lohnnebenkosten teuer ist, hat die Schwarzarbeit ein ungeahntes Ausmaß erlangt. Der Handwerkerstundensatz von 40,- Euro und mehr zuzüglich der Mehrwertsteuer ist gegenüber der Schwarzarbeit nicht konkurrenzfähig. Deshalb weichen viele potentielle Kunden auf dieses illegale Arbeitsangebot aus.


Die Veränderung der Märkte haben dem Handwerk aber auch neue Chancen eröffnet:

  • Chancen bieten sich vor allem in Marktnischen, die von Großbetrieben und Filialisten nicht besetzt sind. Betriebe mit speziellem Know-how, mit Flexibilität und starker Orientierung an den Kundenwünschen können solche Nischen besetzen.
  • Der Bedarf an Bauleistungen im Wohnungsbau, im Bau von Verwaltungs- und Industriegebäuden, bei Kläranlagen und Kanalisationen und im Straßenbau ist nach wie vor sehr hoch.
  • Modernisierung und Wärmedämmung von Gebäuden, Instandhaltung, Denkmalpflege und Stadtsanierung, sind zusätzliche wichtige Betätigungsfelder.
  • Preiswertes Bauen ruft zusätzliche Nachfrage nach Bauleistungen hervor.
  • Durch die Betreuung von Eigenleistungen kann der Handwerker den Heimwerker als Kunden gewinnen und sich so einen interessanten Markt erschließen.
  • Die Anforderungen an die qualifizierte Wartung von Geräten und Anlagen steigen.
  • Der gestiegene Lebensstandard, die komplizierte Technik und der Umweltschutz öffnen dem Handwerk neue Chancen im Dienstleistungsbereich und in der Beratung, beispielsweise im Bereich der Energieeinsparung durch einen EnergieSparCheck oder durch Passivhäuser.
  • Neue Möglichkeiten findet der Handwerker, der als Zulieferer für die Industrie arbeitet. Hier muss er Probleme bei seinen Kunden erkennen und entsprechende Lösungen anbieten. Ansatzpunkte bieten sich zum Beispiel in der Planung und Fertigung komplexer Baugruppen.
  • Durch das Internet kann sich der Handwerker mit geringen Kosten weltweit präsentieren und sich den Zugang zu internationalen Märkten verschaffen.
  • Auch traditionelle, vielfach totgesagte Handwerke erleben eine Renaissance. Die Restaurierung bietet dem Handwerk die Möglichkeit, alte Handwerkstechniken wieder mit Leben zu erfüllen.
  • Hochschulen, Fachhochschulen und Technologiezentren des Landes stehen dem Handwerk offen. Es gilt, die Beratungsleistungen der Handwerksorganisation und von Transfereinrichtungen, wie z. B. die Steinbeis-Stiftung und die Fraunhofer-Institute, zu nutzen und die neuesten technischen Entwicklungen zu beherrschen.

Unsere heutige Zivilisation wäre ohne Handwerk undenkbar. Das Handwerk macht das Leben, das wir führen, erst möglich. Das Handwerk bietet jedem eine Chance, der fachlich qualifiziert ist, der die Marktveränderung erkennt und flexibel ist, um sich diesen Veränderungen anzupassen.

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