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Unternehmensbewertung in Corona-Zeiten

Gründungswissen

 

Bei vielen Übergebenden ist der Wert des Unternehmens bzw. der erzielte Verkaufspreis ein wichtiger Bestandteil der Altersabsicherung und somit von großer Bedeutung. Auf der anderen Seite muss der Übernehmende den Kaufpreis in den meisten Fällen fremdfinanzieren. Der daraus folgende Kapitaldienst muss aus den Erträgen des Unternehmens finanziert werden. Je höher der Kaufpreis, umso höher der Kapitaldienst. Es ergeben sich somit entgegengesetzte Interessen zwischen Übergebendem und Übernehmendem. Ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Unternehmensnachfolge ist daher ein für beide Seiten angemessener Kaufpreis. Und nicht selten ist gerade deswegen auch dieser der Grund dafür, warum eine Unternehmensnachfolge nicht zustande kommt.

Der AWH-Standard für Handwerksbetriebe

Die Beraterinnen und Berater der Handwerkskammern befassen sich daher bei ihren Nachfolgeberatungen sehr intensiv mit der Beurteilung von Unternehmenskaufpreisen und ermitteln auch häufig selbst den Wert eines Unternehmens. Dafür gibt es ein bundeseinheitliches Verfahren, das von den Beraterinnen und Beratern der Handwerkskammern in den letzten 20 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt wurde. Der sogenannte AWH-Standard ist ein Bewertungsverfahren, das sich an üblichen Bewertungsmethoden orientiert und zusätzlich die Besonderheiten der vorwiegend kleinen Handwerksbetriebe mit berücksichtigt. Diese branchen- und betriebsspezifischen Risiken werden anhand von verschiedenen Kriterien beurteilt und fließen in die Bewertung ein. Ganz besonders zu beachten ist die hohe Inhaberabhängigkeit bei Handwerksbetrieben. Zentrale Aufgaben und Funktionen laufen in der Person des/r Inhabers/in zusammen. Bei einer Übergabe kann dies z.B. dazu führen, dass wichtige Kundenbeziehungen abbrechen. Die Inhaberabhängigkeit beeinflusst daher beim AWH-Standard ganz wesentlich den Unternehmenswert.

Die Gewinne sind ausschlaggebend für den Unternehmenswert

Der AWH-Standard ist ein Ertragswertverfahren. Die Gewinne des Unternehmens sind die ausschlaggebenden Größen zur Ermittlung des Unternehmenswertes. Idealerweise sollten für die Berechnung die geplanten Gewinne der Zukunft als Berechnungsgrundlage genommen werden. Da aber in der Regel keine verlässliche Planrechnung vorliegt, wird der gewichtete Durchschnitt der Gewinne der letzten vier Jahre herangezogen. Dieser Durchschnittsgewinn wird dann mit einem Kapitalisierungszins abgezinst (Modell der „ewigen Rente"). Bei diesem Verfahren ist eine Abschätzung der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung notwendig. Die möglichen Risiken werden bei diesem Verfahren im Kapitalisierungszins berücksichtigt.

Die Abschätzung der zukünftigen Entwicklung 

Die Ermittlung eines Unternehmenswertes ist somit immer mit Unsicherheiten verbunden. Den absolut richtigen Unternehmenswert kann es daher nicht geben, es sind immer individuelle Beurteilungen und Einschätzungen notwendig. Je unsicherer die wirtschaftliche Entwicklung vorhersehbar ist, umso schwieriger wird es einen verlässlichen Unternehmenswert zu ermitteln.

Zukunftsprognosen in Krisenzeiten

Die aktuelle Corona-Krise hat das Problem der Zukunftsprognose noch verschärft. Dies erschwert die Unternehmensbewertungen. Gleichzeitig haben wir aber eine Vielzahl von Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhabern aus den geburtenstarken Jahrgängen der 50er und 60er Jahre, die den Generationswechsel anstreben. Die Nachfrage nach Nachfolgeberatungen ist weiterhin hoch und auch in Krisenzeiten führen die Beraterinnen und Berater der Handwerksorganisationen daher Unternehmensbewertungen durch.

Einzelne Branchen und einzelne Betriebe sind sehr unterschiedlich von der Corona-Krise betroffen. So ist z.B. die Auftragslage bei den meisten Bau- und Ausbaubetrieben im Moment noch recht gut, während viele Zuliefererbetriebe schon stark von der Krise betroffen sind.

Die Auswirkungen der Pandemie müssen im Hinblick auf die möglichen Risikofaktoren noch genauer und intensiver geprüft werden. Die zu erwartenden Veränderungen der zukünftigen Branchen- und Konjunkturentwicklung und deren Auswirkungen auf das Geschäftsmodell müssen individuell auf die Prognosewerte des einzelnen Unternehmens heruntergebrochen werden. Auch der finanzielle Aufwand für technische und organisatorische Maßnahmen zum Schutz von Kunden und Mitarbeitenden muss berücksichtigt werden.

Verschiedene Szenarien für die Bewertung

In dieser Situation kann es sinnvoll sein mit verschiedenen Szenarien zu arbeiten. Je nach Risikoeinschätzung und Zukunftserwartung ergeben sich unterschiedliche Kapitalisierungszinsen und somit unterschiedliche Werte für das Unternehmen zum Bewertungsstichtag. Das Ergebnis der Bewertung ist dann nicht ein konkreter Wert, sondern ein Korridor in dem sich der Unternehmenswert bewegt.

Fazit:

Auch wenn die Ergebnisse der Unternehmensbewertung in Krisenzeiten mit einem höheren Unsicherheitsfaktor behaftet ist, ist eine solide Unternehmensbewertung trotz allem ein wichtiges, unterstützendes Instrument für die Planung und Abwicklung der Unternehmensnachfolge.

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